Mittwoch, 1. Juli 2009

Sitzenbleiben abschaffen!

Noch ein kleiner Nachtrag zu meinem gestrigen Blogeintrag. Der „Standard“ berichtet heute über ein Pressegespräch, das ich gestern gemeinsam mit Christiane Spiel durchgeführt habe: Sitzenbleiben abschaffen! Spiel ist eine exzellente Expertin und hat sich als Bildungspsychologin einen Namen gemacht. Sie hat eine Professur an der Universität Wien inne und ist eine der wenigen österreichischen Wissenschaftlerinnen mit internationaler Reputation. Auch sie sieht - so wörtlich - im Wiederholen eines Schuljahres „keine effiziente Maßnahme der Lernförderung“. Ein Lernzuwachs beim Wiederholen einer Klasse sei zwar möglich, aber nicht sicher. Auch psychisch leiden die Schüler, ihr Selbstwertgefühl leidet. Sitzenbleiben führt zum Verlust von Sozialbeziehungen, erhöht die Schulangst und beeinträchtigt die Beziehung zu den Eltern. Spiel: „Sitzenbleiben wird als Zeichen für Versagen erlebt und nicht als Lernunterstützung!“
Ich möchte auch noch einen Blogeintrag von standard.at hinzufügen, dem ich als langjähriger Lehrer nur zustimmen kann: „Die Abschaffung ist überfällig! Dass Wiederholen ´keine effiziente Maßnahme der Lernförderung` ist, kann ich aus leidvoller Erfahrung bestätigen! Ich hatte das unwahrscheinliche ´Glück`, beim Wiederholen (ein Jahr vor der Matura) denselben – didaktisch minderbemittelten – Lehrer wieder zu bekommen. Das Resultat: Im Sitzenbleib-Fach (Mathematik) mit knapper Not ein Genügend, in drei weiteren Fächern dank Lehrerwechsel, neuem Lehrplan und völlig abhanden gekommener Motivation eine Verschlechterung von 2 auf 4 - kurzum: das schlechteste Zeugnis meiner gesamten Schullaufbahn.“

Graf_Ruecktritt

Wiederholen ist Unfug!

Jedes Jahr wiederholen in Österreich über 40.000 Schülerinnen und Schüler eine Klasse. Das ist pädagogisch größtenteils sinnlos und es kostet den Staat Jahr für Jahr etwa 300 Millionen Euro an Steuergeld.
Vor allem aber raubt es unseren Kindern ein Bildungsjahr, erzeugt Versagensängste und bringt unglaublichen Stress in die betroffenen Familien.
Insgesamt macht etwa jedeR fünfte SchülerIn während der Schullaufbahn zumindest einmal die Erfahrung mit einer Klassenwiederholung. Das stellt dem österreichischen Schulwesen kein gutes Zeugnis aus: trotz aller Frühwarnsysteme und der sogenannten Aufstiegsklausel. Während wir in Österreich durchschnittlich 3,6% durchfallen lassen, sind es in Finnland nur 0,4%.
Die exakten Zahlen: Im Schuljahr 2006/07 haben von 1.151.096 SchülerInnen 48.937 das Klassenziel nicht erreicht, das sind 4,25% aller SchülerInnen. 12.558 waren trotz eines Nicht-Genügend aufstiegsberechtigt, 41.700 oder 3,6% waren nicht aufstiegsberechtigt. Die Zahlen für die Schuljahre 2007/08 und 2008/09 sind bei der Statistik Austria noch nicht abrufbar, die Situation hat sich jedoch in den letzten Jahren nicht geändert.
Was müssen wir tun?
• Kurzfristig ein individuelles Fördersystem in unseren Schulen
• mittelfristig und langfristig einen Umbau des Schulsystems
• und eine Veränderung der pädagogischen Ressourcenpyramide – also mehr Geld von oben nach unten zu den Kindergärten

Graf_Ruecktritt

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